• Bzzzzzz….

    Du weißt nicht, was eine Kamikazefliege ist? Die Sängerin des gleichnamigen Songs zeichnet das Bild eines Menschen, der liebt. Der dafür riskiert. Der sich damit in skurrile, lächerliche, vielleicht auch bedrohliche Situationen bringt. Kamikazefliege ist eine Lebenseinstellung. Ich bin ein Frau Mitte Zwanzig. Ja, richtig, "Frau"! Wann fing es an, dass ich mich selbst nicht mehr als "Mädchen" bezeichnete...?
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Tu’s für die Sprache!

Noch 34 Stunden, dann schwirre ich mal wieder ab. Und meinen Co-Piloten nehme ich auch mit. Damit ich nicht, wie die Male davor, mit wehenden Fahnen in Kamikaze-Sturzflug gehe.

Nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung!? En garde! Allez!“ verbrachte ich sechs Monate meines Lebens in der Stadt der Liebe. Dabei lief 10 Wochen erstmal alles ganz monoton und für meine Mitmenschen ungefährlich ab. Mein Lieblingshobby war allerdings bis dahin, aus Liebeskummer regelmäßig in Tränen auszubrechen. Die Métro war dafür mein bevorzugter Ort. Bei genauem Überlegen war das für mein (anonymes) Publikum zwar nicht gefährlich, aber vielleicht doch etwas bedrohlich. Zumindest sahen mich einige Menschen an, als befürchteten sie eine Terroristin oder Amokläuferin in mir…

Mitte Mai lernte ich dann diesen Franzosen kennen. Ein Bretone. Matthieu. Ich fand ihn auf den ersten Blick… zum Kotzen! Eine französische Bekannte hatte ihn mitgeschleppt. Nach kurzer Zeit schon war er betrunken, sprach noch schneller und unverständlicher und gröhlte in der Karaoke-Bar herum, zusammen mit seinem ebenfalls dichten Kumpel. Was für ein Abend. Ich verpasste die letzte U-Bahn, weil ich so verwirrt war, dass ich zunächst in den falschen Zug stieg, der in die entegegengesetzte Richtung fuhr. Mir blieb dann nur noch der bus de nuit, der Pariser Nachtbus. Bei Nation musste ich eine halbe Stunde warten. Ich hatte unglaubliche Bauchschmerzen. Als ich mich endlich von République aus in meine WG geschleppt hatte, war es schon halb drei nachts. Was für schräge Typen. Was für ein schräger Abend. Da hatte ich beschlossen, endlich aus meiner Depression auszubrechen, und dann sowas… 

Wenige Abende später wollte der schräge Bretone ein Rendez-vous mit mir. Stundenlang wartete ich und wägte zusammen mit meiner schwedischen Mitbewohnerin das Für und Wider ab. Ich hatte Matthieu „zufällig“ am Samstag Abend wiedergetroffen. Was heißt hier zufällig?? Obwohl ich Amélie extra ausdrücklich ermahnt hatte, die beiden Chaoten nicht von unseren Ausgeh-Plänen zu berichten, tauchte sie dann doch wieder mit ihnen auf. Naja, und wie soll ich sagen… die Musik war gut. Das Bier zeigte bei mir seine Wirkung. Die Jungs waren ziemlich kleinlaut und schämten sich ein bisschen über ihr Verhalten vom Vortag. Ich tanzte zu Tzigane-Rock bis ich nicht mehr konnte. Und Matthieu stand als mein Bewunderer neben mir.
Er hatte mir an diesem Montag eine Nachricht auf meiner Mailbox hinterlassen. Wollte mit mir etwas Trinken gehen. Ich zögerte. Mein Herz war noch besetzt. Das war mir klar. Ich betete darum, dass mein Ex mir schleunigst eine seiner unverhofften Nachrichten schicken würde. Ich hatte ihn schon zu einer Art Gottheit hochstilisiert, der mit seinen mentalen Fähigkeiten auch auf mehrer Hundert Kilometer Distanz meine Gedanken und Gefühle lesen konnte. (Was ich auch jetzt noch glaube.) Aber von ihm kam nichts. Innerlich drohte ich ihm: „Meld dich, du Arsch, oder ich bin weg vom Fenster für dich. Vielleicht heirate ich ihn und kriege hübsche, bilinguale Kinder mit ihm. Das, was ich doch eigentlich nur mit dir wollte.“ Aber an diesem Abend schwieg er.
Das schlagende Argument brachte dann Marjan: „Na los, ihr geht doch nur was Trinken. Ich versteh ja deine Angst. Aber sieh’s doch mal so: Tu’s für die Sprache!“ Wie pragmatisch. Dies war Startschuss meiner Achterbahnfahrt in Paris. Oder auch: Kamikaze à la meilleure.  Ab diesem Zeitpunkt tat ich alles für die Sprache…
(Fortsezung folgt)

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