Wann begann ich eigentlich so sentimental zu werden?
Obwohl ich heute allen Grund hätte, glücklich zu sein, stimmt irgendetwas nicht…
Gestern Abend überraschte mich mein Freund, indem er unangekündigt in der Bar auftauchte, in der ich gerade mit ein paar Freundinnen saß. Eigentlich sollte er zu diesem Zeitpunkt aber 400 km von mir entfernt bei seinen Eltern sein. Gestern Nachmittag noch war ich traurig gewesen, dass ich ihn das ganze Wochenende nicht sehen würde. Und dann steht er einfach vor mir. Bis jetzt ist noch kein Mann für mich an einem Tag 8 Stunden Auto gefahren, nur, um mich zu überraschen.
Dass ich jetzt traurig bin, hat mit ihm also nichts zu tun. Es ist, als schwebe eine Wolke über mir. Sentimentale Erinnerungen… Sehnsucht… Es regnet auf mich ein…
Da ist dieser eine denkwürdige Moment am 22. Dezember 2005. Ein Abschied am Flughafen. Vier Monate lang hatte ich die Zeit meines Lebens, in einem fremden Land, wo eine fremde Sprache gesprochen wurde, wo überall zunächst Fremde um mich herum waren. Aber innerhalb dieser vier Monate war dies mein Zuhause geworden und die Menschen, die sich zu Beginn noch fremd waren, waren zusammengewachsen und lebten ausgelassen und unbeschwert in ihrer vertrauten kleinen Kommune. Für mich war das eine Zeit ohne Sinn und Verstand, ohne Sorgen, ohne Gedanken an die Zukunft, im Hier und Jetzt, in einem so intensiven Freiheitsgefühl, dass jede Faser meines Körpers davon durchdrungen war. Es tut sehr weh, ein solches Leben aufgeben zu müssen. Ganz unerwartet findet man plötzlich sein Glück, seine ideale Form des Daseins, alles macht Sinn, ohne dass man danach bewusst suchen muss. Und genauso plötzlich soll man es so einfach wieder hergeben…?
Zurück in meinem „alten“ Leben. Nach vier Monaten betrete ich am 22.12.2005 wieder deutschen Boden, höre ich Menschen um mich herum Deutsch sprechen. Eine Frau steht vor einem Metzger-Tresen und verlangt „3 Kloppse, bitte!“ Ich könnte heulen. Ich tue es dann auch.
Meine Familie und Freunde begreifen meinen emotionalen Zustand nicht und welchen Verlust ich gerade erlitten habe. Für sie bin ich einfach zurück und alles ist wie vorher. Meine beste Freundin erzählt mir von der dringend nötigen Autoreparatur. Weil es mir leichter fällt, und weil ich es immer noch nicht auf dem Schirm hab, dass ich jetzt wieder da bin, frage ich sie, ob ich mit ihr nicht Englisch sprechen könne. Meine Mutter ermahnt mich, nicht so „aufmüpfig“ zu sein, sie wolle ein harmonisches Weihanchten verbringen; mein Bruder sagt, er erkenne mich nicht wieder.
Ich bin so unglaublich traurig und will am liebsten sofort zurück ins andere Leben. Als ich ihnen das sage, werden sie richtig böse mit mir. Ich finde ihnen gegenüber keine Worte, um zu beschreiben, was ich erlebt habe. Es ist soviel passiert. Ich bin in eine andere Richtung gegangen als sie, hab eine völlig veränderte Sicht auf die Dinge und es ist schlicht nicht mehr möglich, einen Schritt zurück zu machen. Wieso würde ich das auch wollen?
Die Erinnerungen an diesen ersten Verlust schmerzen. Der Verlust der einzigen lebendigen Verbindung, die ich 13 Monate aus diesem Paradies versucht hatte, hinüberzuretten, war bisweilen unerträglich.
Wieder 12 Monate später. Wieder ein Kultur- und Re-Integrationsschock mehr. „Die Zeit heilt alle Wunder“, aber die innere Zerrissenheit, Kulturgespaltenheit, Heimatlosigkeit und der Traum von dem idealen Leben schwelen noch immer, ab und zu entfacht sich ein Flämmchen neu. Ich zähle bis drei und versuche, es zu ersticken. Mal mehr, mal weniger erfolgreich:
„Ein bestimmter Ort, eine Melodie, ein Duft können die Erinnerung [...] noch wiedererwecken, ein Schwall des alten Entzugsleidens durchströmt Sie von neuem, Ihren Freunden fällt auf, dass Sie einen Moment unaufmerksam sind, und sie haben den Eindruck, dass eine unsichtbare Wolke über Ihr Gesicht hinweghuscht. Manche begreifen sofort und werden versuchen, Sie abzulenken oder vom gefährlichen Ort hinwegzuführen, so wie man einen bekehrten Trinker nicht allzu lange vor einer Bar herumstehen lässt. Und tatsächlich wird man Sie vergleichen können mit jenen Alkoholikern, die über ihre verhängnisvolle Neigung triumphieren und nur noch Wasser trinken, aber gleichzeitig erkennen, dass ihr Leben noch intensiver, reicher und lustiger aussah, als der Alkohol noch ihr Gefährte war.“
(Aus: François Lelord (2005): Hector und die Geheimnisse der Liebe)
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