Zwanzig vor Zwölf. Ich frage mich, ob er sich noch meldet. Zwei Nachrichten habe ich ihm geschrieben, bis jetzt keine Antwort erhalten. Ich ärgere mich in erster Linie, dass ich ihm überhaupt geschrieben habe. Nicht weil ich ihn nicht gerne sehen möchte, nein, sondern weil ich mich damit wieder in die Position der Abhängigen begebe. Und abhängig zu sein widerspricht meiner Ideologie. Denn ich habe das Idealbild einer freien, unabhängigen, vielseitig interessierten und begehrten jungen Frau von mir. Aber durch diese Situation: Pustekuchen! Ich fühle mich ganz fies von den Mitteln moderner Kommunikationstechnologien ausgetrickst. Falls ich nicht direkt anrufen will bei meinem Angebeteten -und das tue ich auf KEINEN Fall in so einer Lage, am Ende gelte ich noch als „Controlfreak“ und das widerspricht meinem Idealbild ebenso zu 100% – bin ich einfach gezwungen zu warten. Warten, wie ich das hasse! Ich mache total sinnloses Zeug, wenn ich warte. Über verflossene Traummänner nachdenken, die ich eigentlich nicht „Traummann“ nennen sollte, sondern „Arschloch“; Kühlschrank, Speisekammer, Süßigkeitenschränkchen plündern; Das E-Mail-Postfach des Arschloch-Traummanns durchstöbern; Alkoholvorrat plündern; und wenn der Tag wirklich keinen Sinn mehr macht, weil man nachts um 4 keine wahre Mission mehr hat, schließlich frustriert, betrunken, mit ungeputzten Zähnen und deswegen noch beschämter ins Bett kriechen. (Alles in dieser Reihenfolge.)
Im Moment kratze ich mir aber einfach am Kopf.
Sechzehn nach Zwölf. Ich glaube nicht, dass er sich noch meldet, denn er scheint überhaupt nicht zu Hause zu sein. Meine Skype-Nachricht, die ich um halb Zwölf geschrieben habe, hätte er sonst längst beantwortet. Er ist immer online, er schaltet sein Notebook nie aus, auch nicht, wenn er das Haus verlässt. Noch ein Punkt, der es unmöglich macht, NICHT zum „Controlfreak“ zu mutieren. Selbst, wenn man es gar nicht vorhatte, beginnt man damit, doofe Spekulationen anzustellen. Samstag war er auch bei Fabian und Anouk, während ich mich kränkelnd aber unabhängig (!) im Hause meiner Eltern zurückgezogen hatte. Dass er bei den beiden war, erfuhr ich aber erst am nächsten Tag. Ich ging davon aus, dass er sich auf der Geburtagsparty seiner Ex-Freundin als persönlicher Assistent der Gastgeberin betätigte, was mich rasend eifersüchtig machte.
Ich habe etwas gegen Ex-Freundinnen meiner aktuellen Traummänner, seit Arschloch-Traummann mich mit seiner betrog. An Sylvester. Als er eigentlich mit ihr Schluss machen wollte. Naja, genau genommen muss ich zugeben, dass sie da ja noch gar nicht seine Ex-Freundin war. Sie sollte es werden. Und mit einem feierlichen letzten (?) Mal Sex besiegelt werden….? Jedenfalls erklärte er mir, in wie immer recht komplizierten und unauthentischem Deutsch, am Telefon völlig überrascht: „Ja, wir haben miteinander geschlafen… aber Janne, ich konnte nicht erkennen, dass es etwas Falsches war, um das zu tun, doch…?“ Die Konsequenzen dieser Momente, die darauf folgende „Dreiecksgeschichte“ bade ich noch heute aus. Denn leider reagierte ich nicht sehr geistreich. Ein offener Mund war, glaube ich, das bedrohlichste, das ich zustande brachte. Zumindest hoffe ich, dass es ein bisschen bedrohlich aussah. Nur für mein Ego. Denn sehen konnte er es ja bei 800 km Entfernung, übers Telefon, sowieso nicht. Seitdem ist mein Verhältnis zu Ex-Freundinnen jedenfalls gespannt. Vor allem zu solchen, die meinem Traummann auch noch so offensichtlich nachlaufen und Sachen zu ihm sagen wie: „Aber gute Freunde können doch ab und zu miteinander ins Bett gehen!“ Und so sponn ich mir am Samstag Abend also schon immer wildere und für mich negativere Fantasien zusammen, so dass ich mir am Ende wirklich sicher war, er hätte ihr zum Geburtstag einen schönen Orgasmus geschenkt. Und das nur wegen skype und seiner schlechten Angewohnheit, sein Notebook nie auszuschalten.
Aber heute bin ich schlauer. Janne, mal davon abgesehen, dass dein Liebster wohl heute Nacht mal wieder mit seinem besten Freund Fabian und dessen Freundin Anouk das Bett teilen wird, wobei Anouk immer in der Mitte liegt, hast du keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Mach dich nicht zum Sklaven moderner Technologie indem du bis tief in die Nacht vor diesem Bildschirm rumlungerst, bis der Tag keinen Sinn mehr macht. Schließlich bist du eine vielbeschäftigte Frau, die morgen wieder all ihre Konzentration für wissenschaftliche Zwecke benötigt.
Ein Uhr. Gute Nacht!
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